Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, diese Überschrift für einen Teil meiner neuen Homepage zu verwenden. Eines wird unbestritten sein, nämlich dass diese Unterüberschrift – oder wie sie auch heißen möge – ihr Alleinstellungsmerkmal sicher innehat.
Ich bin in meinem Leben schon oft weggelaufen. Sei es vor Menschen, vor peinlichen Situationen, aus Städten und aus Ländern. Mein letztes Weglaufen war weniger eine Flucht als vielmehr der Wunsch, danach in Bewegung zu bleiben. Meine Augen sehnen sich ständig nach Neuem, und mein Hirn sowie meine Füße mögen keine ausgetretenen Pfade.
So kam es dann auch, dass ich vor fast genau einem Jahr wieder einmal einen Ort verließ, den ich viele Jahre als meine Heimat ansah. Jedoch war der Hass wohl größer als meine Liebe zu diesem Ort, denn bisher verspürte ich nicht die geringste Art von Heimweh oder Sehnsucht, zurück dorthin.
Ich ging in ein anderes Land, lediglich mit einer Reisetasche als Gepäck. Die Entscheidung, nach Ungarn zu gehen, machte ich mir nicht leicht. Ein machtbesessener, rechtsradikaler Politiker führt dieses Land seit vielen Jahren. Nun, rechtsradikale Vollidioten gibt es in jedem Land. Auch in dem Land, aus dem ich komme, wird die Anzahl dieser Volltrottel von Tag zu Tag größer; allerdings muss sich Ungarn den Schuh anziehen, dass die Mehrheit der Menschen diesen machtgeilen Oligarchen gewählt und ihn somit auch mit der Kraft ausgestattet hat, die er brauchte, um dieses Land nicht nur international in Verruf zu bringen, sondern es auch auszubeuten, wo es nur ging.
Ich überlegte mir auch, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, ein anderes Land als meinen neuen Wohnort zu wählen. Doch die politische Lage in fast allen Ländern tendiert immer stärker zum rechten Gedankengut.
Eine Stimme in mir sagte auch, dass die Ungarn nicht so einfältig sein werden, zur nächsten Parlamentswahl im April erneut diesen Minidiktator zu wählen.
Der Umzug nach Pécs war für mich die beste Wahl, wollte ich doch eine Pause von den Menschen machen. Ich wollte im nahen Gebirge spazieren, wollte die Stimmung der Stadt einsaugen, ohne mich an den politischen Dingen zu stoßen. (Was mir nur teilweise gelang.)
Ich fand schnell eine angenehme Wohnung und spürte auch schon bald die Ruhe, die ich suchte, um mich neu zu orientieren.
Somit hatte ich die Ruhe, in dieser Zeit gleich drei Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen.
Das erste Buch „Ein Stück vom Leben“ erschien im Herbst 2025 und erzählt von meiner Ankunft in Pécs, von meinen Hoffnungen für das Land und von einem der Gründe, wieso ich mir diese Stadt für die nächste Zeit zum Wohnen ausgesucht habe.
Das zweite Buch, das dann im Dezember 2025 erschien und den schlichten Titel „Jonathan“ trägt, handelt von einem Jungen, seinen Sehnsüchten, aber vor allem auch seinen Ängsten. Natürlich sind die Bücher fiktional, aber trotzdem helfen eigene Erfahrungen oftmals beim Schreiben.
Auch das dritte Buch von mir ist bereits erschienen. „Irgendwohin“ kam im Mai 2026 auf den Markt.
Bisher denke ich nicht daran, erneut wegzulaufen. Ich fühle mich in meiner „neuen“ Stadt recht wohl. Ich genieße meine selbst gewählte Einsamkeit und bin niemandem Rechenschaft schuldig … Einzig, sollten sich die Ungarn bei der Wahl im April nicht für das kleinere Übel namens Péter Magyar entscheiden, dann werde ich wohl wieder meine Füße in die Hand nehmen und mich aus dem Staube machen.
Den Text schrieb ich vor einem halben Jahr. In diesen sechs Monaten hat sich viel geändert. Der Oligarch ist Geschichte. Außerdem arbeite ich gerade an meinem vierten Buch, mit dem Arbeitstitel „Das Tagebuch des Demian S.“
Zudem hat es der brutal hereinbrechende Klimawandel geschafft, mich aus der Hitze dieses Landes zu vertreiben. Ich werde mir wohl Anfang 2027 einen kühleren Ort zum Leben suchen. Wo es hingehen wird, weiß ich noch nicht. Ich lasse mich selbst überraschen …
Der Mensch entdeckte das Feuer – und brauchte nicht mehr zu frieren.
Der Mensch erfand das Rad – und ersparte sich das lästige Laufen.
Der Mensch schuf Gott – und schob die ewige Schuld weit von sich.
Der Mensch erfand das Radio – und verlernte das Musikmachen.
Der Mensch erfand das Fernsehen – und lernte das Einsamsein.
Der Mensch erfand den Computer – und verlernte das Rechnen.
Der Mensch schuf die KI – und brauchte nicht mehr zu denken.
Ein Alien kommt auf die Erde und denkt: „Was für Idioten.“
HL
Wahrscheinlich schaut die halbe Stadt gerade aus den Fenstern ihrer überhitzten Häuser und beobachtet, wie ich auch, das Wetter.
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Das Mecsek-Gebirge liegt vor mir. Über dem Gebirge sind die ersten großen Wolken zu sehen, die den ersten heiß ersehnten Regen in diesem Sommer bringen sollen. Es ist Ende August …
Die Temperaturen sind etwas zurückgegangen und lagen in den vergangenen Tagen um die dreißig Grad. Temperaturen, die man noch vor ein paar Jahren als Hitzewelle bezeichnet hat, gelten nun als willkommene Abkühlung.
Doch der nächste Peak der Temperaturen ist schon für übermorgen vorhergesagt. Dann erwartet uns wieder eine lebensbedrohliche Hitze von 38 Grad. Die Marke der höchsten je gemessenen Temperaturen im südlichen Ungarn wurde dieses Jahr gleich zweimal übertroffen. Erst waren es 40,3 Grad, dann, Anfang August, lagen sie bei 41,5 Grad. Dies nicht nur einmal kurz, sozusagen ein Ausrutscher, sondern fast zwei Wochen am Stück. Der höchste Wert Ungarns lag bei bisher unvorstellbaren 42 Grad. Noch nie wurden solche Temperaturen, auch nur annähernd, gemessen.
Eigentlich wissen die meisten, dass dies kein normaler Zustand war und ist. Okay, Klimaaktivisten sucht man in dieser Stadt zwar vergebens, doch die meisten Einwohner haben zumindest schon einmal davon gehört, dass mit dem Klima etwas nicht in Ordnung ist. Spätestens nachdem die Donau fast gänzlich versiegte und das Atomkraftwerk in Paks fast auf Null heruntergefahren werden musste, merkten auch die konservativsten Gehirne, dass hier etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte.
Eine logische Konsequenz aus dieser Klimakatastrophe zieht jedoch kaum einer. Eigentlich sollte man sich doch in einer solchen Situation sein eigenes Handeln hinterfragen: „Was kann ich tun, dass dies nicht zum Normalzustand wird? Inwieweit beeinflusst mein eigenes Handeln das Klima? Wie kann ich die Zukunft für meine Kinder und/oder Enkel lebenswert gestalten?“
Doch allein schon bei der letzten Frage würde man wahrscheinlich ohne großes Zögern zur Antwort bekommen, dass die Kinder als Erstes einen Führerschein machen müssen. Ohne Führerschein ist man ein Nichts. Dann sollte man auf ein Auto sparen. Denn ohne Auto ist man nur halb so viel wert. Das weiß doch jeder.
Auf die nächste Frage, dass man damit aber doch den Klimawandel noch weiter vorantreibt, würde man ein mitleidiges Lächeln ernten und sofort die ewig gleichen unüberlegten Argumente dazu gratis bekommen: „Was können wir schon gegen den Klimawandel unternehmen? Ob da ein Auto mehr oder weniger fährt, ist doch vollkommen egal.“
Oder auch: „Da sollen doch erst einmal die anderen anfangen. Die Amerikaner, die Deutschen, die Chinesen … und ja, auch die Araber.“
Dies ist natürlich kein ungarisches Alleinstellungsmerkmal. Diese Antworten bekommt man so oder so ähnlich in jedem Land. Allerdings mit veränderten Variablen, wie Ländernamen oder Nationalitäten.
Ich verstehe wirklich nicht, warum hier der Selbsterhaltungstrieb des Menschen nicht greift. Ich, der Mensch, sehe eine Gefahr auf mich zukommen. Nun ist es sofort meine Aufgabe, als Mensch, zu reagieren. Nämlich genau diese Gefahr abzuwenden.
Doch was macht der Mensch? Er macht genauso oder noch schlimmer weiter wie vorher. Steigt in sein Auto, weil es nicht anders geht. Nicht anders gehen kann und darf. Schließlich hat man ja als Mensch noch seine Würde, seine Rechte! „Oder wollt ihr mir diese auch noch wegnehmen?“
Die Menschen sind wirklich überzeugt, dass sie nicht den Gesetzen der Natur unterliegen. Obwohl sie sich so klug wähnen, bekommen sie es nicht in ihre Birnen, dass es nur mit und nicht gegen die Natur gehen kann. Sie begreifen nicht, dass die Natur kein Selbstbedienungsladen ist: Heute im Angebot: Das Klima – 1 Grad für nur 99 Cent. Nur solange der Vorrat reicht!
Leider verstehen nur die wenigsten, dass die Natur uns nicht braucht. Wir dagegen können nicht ohne die Natur leben. Wenn unsere Knochen an einem unbekannten Ort zwischen den verbrannten Wäldern Kanadas und dem verdampften Schwarzen Meer liegen, dann wird sich die Natur wieder aufrappeln, unsere Gebeine als Dünger verwenden und den Schaden, den wir angerichtet haben, beseitigen …
Ich schaue wieder aus dem Fenster. Ja, das Mecsek-Gebirge ist noch da. Doch die Wolken sind verschwunden. Die Sonne brennt von einem milchig blauen Himmel. Auf der Straße brummen, hupen und quietschen die Autos, als gäbe es kein Morgen. Kein Morgen?
Und … nein, es hat nicht geregnet. Keinen einzigen Tropfen.
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
aus: Verse für Zeitgenossen
Kurz schaue ich, ob nicht ein größeres Schlagloch auf dem Weg sein könnte, das der „Hans-Guck-in-die-Luft“ nicht bemerkt. Dann frage ich ihn:
„Kennst du dich aus mit den Sternen?“
Jetzt schaut er doch zu mir und steckt ebenfalls seine Hand in seine Jackentasche.
„Kann man sagen“, antwortet er. „Allerdings ist ein Sich-Auskennen in diesem Bereich eine eher gewagte Behauptung.“
Nun greift er in seiner Tasche nach meiner Hand und erzählt weiter:
„Wenn die Astrophysiker und Astronomen vielleicht eine Frage geklärt haben, dann stellen sich gleich zehn neue Fragen, die die Klärung der vorigen Frage schon wieder widerlegen. Er schaut wieder nach oben in den Himmel und macht mit seiner linken Hand eine ausholende Geste. „Das Problem ist dabei nur der Mensch mit seinen mangelhaften Fähigkeiten. Die Fähigkeiten des Menschen sind darauf beschränkt, zu jagen, zu fressen und Kriege gegen die Umwelt und seinesgleichen zu führen. Er ist ideal an das Leben auf der Erde angepasst. Sich vermehren, seine Art erhalten, fressen und sterben. Der Mensch ist aber absolut nicht dafür gemacht, über den dreidimensionalen Horizont, in dem er sich befindet, hinauszuschauen.“
Er bleibt kurz stehen und schaut mich an.
„Das Problem ist allerdings auch, dass ich, immer wenn ich darüber nachdenke oder darüber erzähle, unglaublich negativ und abwertend klinge, obwohl es einfach eine Tatsache ist, dass wir wirklich nie das Universum verstehen werden, weil wir gar nicht die Voraussetzungen dafür haben. Ich schaue gerade hoch in den Himmel und sehe die Sterne.“
Er hebt seinen Kopf und ich tue es ihm gleich.
„Wir sagen ‚Oh wie schön!‘ oder ‚Guck mal da, da ist der große Wagen!‘. Aus romantischer Sicht vollkommen logisch und nachvollziehbar. Aber aus wissenschaftlicher Sicht sehen wir nur einen klitzekleinen Bruchteil von dem, was da oben oder unten – oder wie auch immer – tatsächlich passiert. Wir haben nur unseren mikrokleinen Spalt, das optische Fenster, durch das wir unsere Umgebung wahrnehmen. Das ist so, als würdest du ein Buch lesen und nur die O’s sehen. Der Sinn des Buches würde sich dir also nicht erschließen, obwohl du begeistert von den vielen, schönen O’s bist.“
Demian seufzt, so als würde er vor einer Mammutaufgabe stehen.
„Ich bin vielleicht die falsche Person, die versucht, etwas zu erklären, das sie nicht mal ansatzweise selbst begreifen kann.“
Langsam dreht er sich zum Weitergehen und erzählt dann weiter:
„In einem bin ich mir sicher: Alles, was die Menschen darüber wissen, wie etwas funktioniert, sind immer nur vorübergehende Zustände. Zum Beispiel glaubt der Mensch gerade daran, dass die Lichtgeschwindigkeit die schnellste Geschwindigkeit überhaupt ist. Ich glaube, dass dies falsch ist. Nur einfach mal so in den Raum gestellt. Da gibt es bestimmt noch etwas Schnelleres. Doch können wir das nicht erklären, weil wir schon arge Schwierigkeiten haben, uns die Lichtgeschwindigkeit vorzustellen. Eines ist allerdings Fakt und unbestreitbar: Ich mag es, dort hoch- oder runterzuschauen, um mir dann vorzustellen, dass alles, was wir dort sehen, eher unserer Fantasie entspringt, als dass es wirklich so ist, wie wir es gerade glauben zu sehen.
„Oh Scheiße!“, sage ich nun und zerstöre dabei die fast andächtige Stimmung seines Monologs. „Wir müssen uns ein bisschen beeilen, sonst können wir die Harzreise vergessen.“
Schön wär's, noch einmal in die Welt zu reisen,
Noch einmal zu flanieren in den Gassen,
Noch einmal eine richtige Mahlzeit speisen,
Noch einmal sich zur Liebe locken lassen!
Doch käme alles dieses auch nicht wieder,
Mir ist noch immer vielerlei geblieben:
Mozart und Bach, Chopin und Schubertlieder,
Blumen betrachten, träumen, Dichter lieben.
Erlischt auch dieses zarte Glück der Sinne,
So bitt ich Gott, dass ich mein welkes Leben
In seines Wesens Urlicht mag ergeben
Und nie vergesse: mir auch wohnt er inne.